Kompressionsstrümpfe anziehen, ohne zu verzweifeln

Der Arzt hat sie verordnet, Sie haben sie geholt, und jetzt liegen sie da. Und jeden Morgen dasselbe Theater: ziehen, zerren, verrutschen, aufgeben. Irgendwann landen die Strümpfe in der Lade, und die Beine schauen wieder aus wie vorher.
Damit sind Sie nicht allein, und es liegt auch nicht an Ihnen. Ein medizinischer Kompressionsstrumpf soll eng sein, sonst würde er nichts bringen. Was viele nicht wissen: Es gibt ein paar Handgriffe, die den Unterschied zwischen einem Kampf und einer Sache von zwei Minuten ausmachen. Genau darum geht es hier.
Warum das Anziehen so mühsam ist
Ein Kompressionsstrumpf arbeitet mit Druck, der am Knöchel am stärksten ist und nach oben hin abnimmt. Dieser Druck ist die eigentliche Therapie. Ein Strumpf, in den man leicht hineinschlüpft, hat entweder die falsche Größe oder er ist längst ausgeleiert.
Dazu kommt: Das Gestrick ist empfindlicher, als es sich anfühlt. Fingernägel, ein Ehering, raue Hornhaut an der Ferse – all das zieht Fäden. Und mit jedem kräftigen Ruck am oberen Rand überdehnen Sie genau die Stelle, die den Strumpf oben halten soll.
Die gute Nachricht: Beides lässt sich lösen. Mit dem richtigen Zeitpunkt, der richtigen Technik und, wenn nötig, einer Hilfe.

Der richtige Zeitpunkt: gleich in der Früh
Das ist der wichtigste Punkt im ganzen Artikel. Ziehen Sie die Strümpfe an, bevor Sie länger auf den Beinen waren – am besten direkt nach dem Aufstehen, solange die Beine noch schlank sind. Über den Tag lagert sich Flüssigkeit ein, das Bein wird dicker, und dann passt der Strumpf, der in der Früh gerade so gegangen wäre, plötzlich nicht mehr.
Wer ohnehin schon schwer hinunterkommt, kann die Beine vorher ein paar Minuten hochlagern. Das nimmt zusätzlich Umfang weg.
Und ganz wichtig: Vor dem Anziehen nicht eincremen. Normale Cremes machen die Haut rutschig-klebrig statt glatt und greifen mit der Zeit das Gestrick an. Es gibt spezielle Pflegeprodukte, die dafür geeignet sind – alles andere empfehlen wir abends, nach dem Ausziehen.
Schritt für Schritt: So geht es
- Handschuhe anziehen und den Strumpf auf links drehen, bis zur Ferse.
- Mit der Hand in den Strumpf fahren, die Ferse von innen greifen und festhalten.
- Den Fuß hineinschieben, bis die Ferse des Strumpfs genau auf Ihrer Ferse sitzt. Diesen Punkt korrigieren Sie später nicht mehr, also lieber gleich sauber.
- Den Strumpf jetzt nicht ziehen, sondern in kleinen Etappen nach oben streifen – immer mit der flachen Hand, immer ein Stück nach dem anderen.
- Nie am oberen Abschluss- oder Haftrand hochziehen. Das ist der häufigste Fehler und ruiniert den Strumpf am schnellsten.
- Zum Schluss mit den flachen Händen glattstreichen. Falten dürfen keine bleiben: Sie drücken punktuell und schwächen genau dort die Wirkung.
Wenn Sie das zwei, drei Mal gemacht haben, sitzt der Ablauf. Der erste Morgen ist immer der schwerste.


Wenn die Hände nicht mehr mitmachen
Es gibt Situationen, in denen die beste Technik nichts hilft: nach einer Hüft- oder Knieoperation, bei Rückenproblemen, bei Arthrose in den Fingern, in der Schwangerschaft oder schlicht, wenn das Bücken nicht mehr geht. Dafür sind Anziehhilfen da – und die sind keine Kapitulation, sondern der Grund, warum viele Menschen ihre Therapie überhaupt durchhalten.
Welche Hilfe passt zu welchem Problem?
- Sie kommen nicht bis zum Fuß hinunter: ein Anziehgestell mit langen Griffen. Der Strumpf wird über den Bügel gespannt, Sie schlüpfen im Sitzen hinein und ziehen an den Griffen nach oben. Kein Bücken nötig.
- Sie haben kräftige Waden: ein Modell mit extra weiter Öffnung. Normale Gestelle sind dafür oft schlicht zu schmal, und dann scheitert es an der Wade statt am Rücken.
- Der Strumpf hat eine offene Fußspitze: eine Gleitsocke. Sie wird über den Fuß gezogen, der Strumpf gleitet darüber, dann ziehen Sie sie vorne wieder heraus.
- Es hakt nur an der Griffigkeit: dann reichen die Handschuhe von oben.
Welche Variante die richtige ist, hängt davon ab, wo es bei Ihnen konkret klemmt. Das lässt sich in fünf Minuten im Geschäft klären, indem Sie es einmal ausprobieren.
Rutschen, Einschneiden, Falten: die drei Dauerbrenner
Der Strumpf rutscht. Meistens liegt es am Sitz und damit an der Größe. Bei Strümpfen ohne Haftrand gibt es Hautkleber, der das Rutschen verhindert, ohne die Haut zu strapazieren. Wenn der Strumpf allerdings jeden Tag deutlich nach unten wandert, ist das ein Hinweis darauf, dass die Weite nicht mehr passt – dann bringt Kleber nur Zeit, aber keine Lösung.
Er schneidet ein. Ein Kompressionsstrumpf darf fest sitzen, aber er darf nirgends einschneiden, nicht am Rand und nicht in der Kniekehle. Meistens ist die Länge falsch gewählt oder der Strumpf ist verrutscht. Lassen Sie nachmessen.
Es bilden sich Falten. Falten entstehen, wenn der Strumpf in einem Zug hochgezogen statt gestreift wird. Sie drücken punktuell auf die Haut und können bei empfindlicher Haut Druckstellen machen. Immer glattstreichen, notfalls ein Stück wieder herunternehmen und neu ansetzen.


Pflege: Damit der Strumpf so lange hält, wie er soll
Kompressionsstrümpfe werden täglich gewaschen, und zwar nicht nur aus hygienischen Gründen. Hautschüppchen, Schweiß und Cremereste setzen sich im Gestrick fest und greifen die elastischen Fäden an. Das Waschen bringt den Strumpf außerdem wieder in Form – über den Tag gibt er durch die Körperwärme nach.
- 30 bis 40 Grad, Fein- oder Schonwaschgang, am besten im Wäschenetz.
- Feinwaschmittel ohne optische Aufheller, oder ein Spezialwaschmittel für Kompressionswäsche.
- Kein Weichspüler. Die Weichmacher zerstören genau die Fasern, für die Sie bezahlt haben.
- Nicht auswringen. In ein Handtuch rollen, ausdrücken, an der Luft trocknen.
- Nicht auf den Heizkörper und nicht in die pralle Sonne legen
- Immer die Pflegehinweise des Herstellers beachten – ob ein Strumpf in den Trockner darf, ist von Modell zu Modell verschieden.
Wie lange hält so ein Strumpf? Die Hersteller geben bei täglichem Tragen und Waschen rund sechs Monate an. Danach lässt der Druck nach, und damit die Wirkung. Man sieht es dem Strumpf von außen nicht an – er schaut oft noch gut aus, wenn er medizinisch schon nichts mehr bringt.
Wann Sie nicht weiter herumprobieren sollten
Manche Beschwerden gehören abgeklärt statt ausgehalten. Ziehen Sie den Strumpf aus und sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wenn eines davon auftritt:
- Die Zehen werden taub, kribbeln, verfärben sich oder werden kalt.
- Es tut beim Tragen weh, und der Schmerz wird im Lauf des Tages stärker.
- Der Rand hinterlässt tiefe Einschnitte in der Haut.
- Die Haut wird wund, oder es entstehen offene Stellen.
- Das Bein schwillt plötzlich stark an, wird heiß oder rot.
Wenn zusätzlich Atemnot, Engegefühl in der Brust oder kalter Schweiß dazukommen, warten Sie nicht auf den nächsten Ordinationstermin. Rufen Sie den Notruf 144.
Nicht jeder darf Kompression tragen
Ein Punkt, der oft untergeht: Kompression ist nicht für alle geeignet. Bei fortgeschrittenen Durchblutungsstörungen der Beinarterien oder bei einer schweren Herzschwäche kann sie sogar schaden. Auch bei Diabetes, bei eingeschränktem Gefühl in den Beinen oder bei Hauterkrankungen braucht es eine genaue Beurteilung, ob und in welcher Stärke Kompression sinnvoll ist.
Diese Entscheidung trifft Ihre Ärztin oder Ihr Arzt – nicht das Sanitätshaus und schon gar nicht das Internet. Unsere Aufgabe beginnt danach: Wir sorgen dafür, dass der verordnete Strumpf richtig sitzt, gut anzuziehen ist und Sie ihn im Alltag auch tragen mögen.

Lassen Sie Ihre Beine bei uns vermessen
Ein Kompressionsstrumpf wird nicht aus dem Regal genommen, sondern am Bein vermessen. Wir nehmen uns die Zeit dafür, zeigen Ihnen den Ablauf gleich mit und übernehmen die Abwicklung mit Ihrer Krankenkasse. Ein Termin ist empfehlenswert, spontan in der Früh vorbeikommen geht aber auch. Fünf Standorte im Bezirk und Umgebung: Neunkirchen, Gloggnitz, Aspang, Baden und im Landesklinikum Neunkirchen.
Kompressionsstrümpfe anziehen: die häufigsten Fragen aus der Beratung
Fachlich geprüft von Tina Mayer-Weinmüller
Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden oder Unsicherheiten wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.
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